Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 67 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Blues-Gitarristen und Sänger Hansi Biebl fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Johannes "Hansi" Biebl

 

Es gibt Momente

„Es gibt Momente / da stellen sich die Weichen / Und selten, und selten von allein. / Entscheidungen fallen / die in die Zukunft reichen /Und sollen und sollen / unsre sein, unsre sein / Und also wohl auch dein.“

 Dieser Hansi-Biebl-Song (Text Kurt Demmler) ist wohl jedem Rock-Musik-Fan aus der DDR noch heute, nach über 30 Jahren, im Ohr. Selbst, wenn man die erste, 1979 bei AMIGA erschienene LP der „Hansi Biebl Band“ schon lange nicht mehr auf dem Plattenteller liegen hatte und Biebls Stimme eher spröde daher kam. Dafür war sie unverwechselbar. Der Demmler-Text (mit einigen Zugeständnissen ans „sozialistische Wir-Gefühl“) hatte durchaus seine Brisanz („Doch die Himmel über deinem Land hält nur ein dünnes Band“), und das „He, alle Tore steh`n offen auch für dich“ kann man ja sowohl als propagandistischen Zweckoptimismus als auch satirisch verstehen.

Abb.: Hansi Biebl bei einem Auftritt 2001 und als Mitglied der Band von Veronika Fischer 1976.

 Fotos: Archiv

Wir können den Verfasser dieser Zeilen heute nicht mehr fragen, der Sänger hat’s fünf Jahre danach einfach mal wörtlich genommen und ist, wie so viele seiner Kollegen, 1984 in den Westen ausgereist. Zwei Musiker seiner 1974 gegründeten „Hansi Biebl Blues Band“ hatten diese Entscheidung schon knapp zehn Jahre vorher gefällt – Eberhard Klunker und Olaf Wegner hatten sich über die Ostsee davon gemacht. Was der Band ein Auftrittsverbot einbrachte. Biebl spielte dann ab 1976 in der Band von Veronika Fischer, später bei „4 PS“ (u.a. mit Franz Bartzsch) und kehrte 1978 mit der „Hansi Biebl Band“ in die Bluesszene zurück. In der Besetzung Biebl, Herbert Junck und Christian Liebig avancierte das Trio schon bald zur angesagtesten Bluesrockband. Nachdem die eingangs zitierte LP erschienen war (1981 folgte „Der lange Weg“) öffneten sich für Biebl auch wieder die Türen bei Funk und Fernsehen. Neben Blues prägten zunehmend Einflüsse von Folklore und Jazzrock (man könnte es auch swingenden Rock’n’Roll, Bluesrock oder Rhythm and Blues nennen) den Sound der Band. 1982 löste der „Ausnahme- Gitarrist“ die Band auf.

Schade, gab es doch zu jener Zeit hierzulande weniger als eine Hand voll solch begnadeter Gitarristen, die sich nicht verbiegen ließen, um den Preis, als „everybodys darling“ dem Massengeschmack mit musikalisch relativ belanglosen Songs zu frönen. Und damit vordere Plätze bei diversen TV-Hitparaden zu belegen. Was mir an seiner Musik imponierte, war die Ehrlichkeit, die spürbare Freude am Musizieren. So wie er’s beschreibt in dem Song „Mir macht’s einfach Spaß“ (1979, Text Thomas Schmitt von MTS).

Wie so oft schon im Musikerleben des am 20. Februar 1945 in Berlin geborenen Biebl (Glückwunsch an dieser Stelle zum 65.!) gab es Momente, wo sich „die Weichen stellten“. Nach Abitur und Funkmechanikerlehre begann er 1964 bei der „Reichert- Combo“, wechselte dann zu den „Atlantics“, den „Berolina Singers“, den „Alexanders“, kam 1968 schließlich zur „Modern Soul Band“, dann zu Klaus Lenz und zum Lakomy-Ensemble, ehe er 1974 seine erste eigene Band gründete. Nebenbei hatte er eine Ausbildung an der damals angesagten Musikschule Berlin-Friedrichshain absolviert – denn ohne „Pappe“ keine Auftritte.

Die Entscheidung 1984, in den Westen zu gehen, wäre wohl eine „zukunftsweisende“ für den Rest seines Lebens gewesen (ab 1987 lebte er in Bremen), hätten nicht an jenem historischen 9. November 1989 „alle Tore offen gestanden“. Familie Biebl zog’s kurz darauf zurück in den Osten, nach Pankow. „Hier im Osten kennt man uns“, wusste Hansi, der seit dem Mauerfall wieder Konzerte in den „neuen Bundesländern“ gab und erneut eine eigene Band gründete. 1998 erschien bei Buschfunk das Album „Unter den Wolken“ (Texte Werner Karma), mit Songs wie „Jeder andre würde gehen“, „Schattenmann“ oder „Freiheit“. Es ist die (vorerst?) letzte Biebl- Scheibe, sieht man einmal ab von Veröffentlichungen einzelner Songs auf diversen Samplern und jener „spektakulären“ Veröffentlichung „Savannah“ 2009 bei „Nasoni Records“. Spektakulär deshalb, weil auf dieser Scheibe fünf bis dato unveröffentlichte Stücke der ersten Biebl-Band von 1974 zu hören sind. Die Rundfunkaufnahmen galten als gelöscht, fanden sich nun aber im Tonarchiv. Ein Stück verloren geglaubte DDR-Musikgeschichte!

Hansi, ich hörte ihn live im Konzert letztmalig am 21. Oktober 2000 im Hellersdorfer Klub „Kiste“, wechselte danach in das „klassische Genre“. Er singt als Tenor in einem Berliner Oratorienchor. Es gibt Momente, da stellen sich die Weichen.

 Unlängst begegnete ich ihm im Fritz Club im Postbahnhof. Leider nicht auf der Bühne, sondern, wie ich, davor. Als Besucher beim Roger-Chapman-Konzert. Schade eigentlich. Ich hätte ihn lieber auf der Bühne gesehen.

Ingeborg Dittmann