Viereckige Schäfchen aus Beton

Abrissflächen werden umgestaltet, bleiben aber Bauland

Marzahn – Ein klein wenig soll der Namensgeber im Schorfheideviertel Einzug halten. Das jedenfalls ist die Kernidee, die die Landschaftsplaner der „Gruppe F“ für die Stellen zwischen Golliner und Kölpiner Straße, an denen jetzt noch sechsgeschossige Wohnhäuser stehen, in einem „Charette“ genannten Bürgerbeteiligungsverfahren generierten. Ein bisschen hügelig, ein bisschen waldig und mittendrin eine 20-köpfige Herde Schafe. Nicht aber lebendige Tiere oder steinerne Plastiken dieser, sondern Multifunktionsboxen genannte Garagen. Diese hatten sich eine Reihe verbleibender Bewohner des verbleibenden Elfgeschossers gewünscht. Denn die bisher realisierten Umnutzungen von Freiflächen – Mietergärten, Spielplätze – stoßen im Schorfheideviertel auf geringe bis gar keine Resonanz.

So soll die Herde aus Mufu-Schafen in der Landschaft stehen.

 Bild: GruppeF

Auch für den Eigner der 13 000 Quadratmeter Fläche, die DEGEWO, hat dieses Konzept Vorteile. Die dreieinhalb mal sieben Meter großen Würfel, die auch als Hobbyraum oder Werkstatt genutzt werden können, lassen sich, geht’s mal wieder anders herum, relativ leicht entfernen und verpflanzen. Schließlich steht das Gelän-de auch weiterhin als wertvolles Bauland in den Büchern der nicht an Geld, jedoch an Schulden und eben Flächen reichen Wohnungsgesellschaft. „Wir können nicht wissen, was in 20 oder 30 Jahren sein wird“, gibt DEGEWOChef Frank Bielka unumwunden eine Allerweltsweisheit zu. Gut möglich, dass man sogar wieder Wohnungen bauen müsse. Denn eines gilt als sicher: Der Exodus aus den Großsiedlungen ist so gut wie gestoppt. Erst kürzlich hatte Bildungsstadtrat Stefan Komoß voller Stolz verkündet, dass es im Bezirk wieder mehr Schulanfänger gebe. Das Grundschulabrissprogramm wurde bereits beendet. Und wenn Menschen nachwachsen, wird man eines Tages im Schorfheideviertel erst mal zur Hubertusjagd blasen müssen, um Hirsche und Wälder für neue Häuser zu beseitigen. In der letzten „Mufu“ gibt’s dann Wild am Spieß. Und das, obwohl Planungsstadtrat Norbert Lüdtke bei der Vorstellung der jetzigen Pläne die Nutzung so einer Box als Bierausschank „eher nicht genehmigungsfähig“ sieht. Halali!

R. Nachtmann

Wälder und Heiden werden hier nicht gebraucht

Zu: Abrissen im Schorfheideviertel in Marzahn Nord

Der avisierte Totalabriss von zwei Wohnhäusern an der Golliner und der Kölpiner Straße im Schorfheideviertel ist beschlossene Sache. Damit werden erstmals sechsgeschossige Häuser mit insgesamt 130 der am Markt gefragten Ein- bis Dreiraumwohnungen zur Einebnung freigegeben. Das ist das Fazit eines mehr als zweistündigen Gesprächs, zu dem die Mieterschutzinitiative und der Bewohnerbeirat Marzahn NordWest den Vorstand des landeseigenen Wohnungskonzerns DEGEWO, Frank Bielka, und leitende Mitarbeiter aus dem zuständigen Kundenzentrum WBG Marzahn sowie Politiker der Landes- und Bezirksebene eingeladen hatten. Ursprünglich wollten die Gastgeber gemeinsam mit betroffenen Mietern einen Ausweg aus dem wohnungspolitischen Kahlschlag finden.

Der Abriss – so die einhellige Meinung der teilnehmenden Bewohner – zerstört den städtebaulich positiven Eindruck des Viertels, da in unmittelbarer Nachbarschaft der als Schaufenster des Stadtumbau Ost geltenden „Ahrensfelder Terrassen“ neue Stadtbrachen entstünden. Die hier zum großen Teil bereits seit fast 20 Jahren in den betroffenen Häusern lebenden Mieter verlangen, weiter in dieser guten Wohngegend verbleiben zu dürfen. Es sei alles vorhanden, was sie brauchen, einschließlich Ruhe und viel Grün.

Der Bewohnerbeirat befürchtet indes, dass die mit dem Totalabriss im Schorfheideviertel eingeleitete 2. Stadtumbau-Phase zerstörerische Wirkungen auf die gesamte Infrastruktur im Marzahner Norden haben wird. Wo immer weniger Menschen wohnen, braucht es nämlich bald auch keine Straßenbahn mehr. Schon meldet der Extra-Markt an der Eichhorster Straße seine Schließung zum Jahresende, womit auch die einzige Poststelle im Stadtteil Nord in der Luft hängt. Niemand weiß bislang, ob und wo sie ab 2008 zu erreichen ist. Und über dem „Ahrensfelder Viertel“, gleich gegenüber, wird der Schatten der Umgehungsstraße 158 n immer länger und damit auch die Wahrscheinlichkeit weiterer Abriss- und Wegzugsszenarien.

Gerade deshalb erachten Bewohnerbeirat und Mieterschutzinitiative den Erhalt der Sechsgeschosser im Schorfheideviertel für überaus wichtig, zumal sie auch für finanziell schlechter gestellte Familien eine ordentliche Unterkunft bieten. Frank Bielka äußerte zwar Verständnis für die Bewohnerpositionen, blieb in der Sache jedoch hart: „Diese Abrisspläne sind nicht nur vom Senat gebilligt, auch das Abgeordnetenhaus von Berlin hat zugestimmt. Die Messen sind gesungen!“ Der „städtebauliche Frevel“ im Schorfheideviertel wurde mit einem vom Quartiersmanagement Marzahn NordWest eingeleiteten Werkstattverfahren zur Nachnutzung der Abrissflächen forciert. Dagegen hatten die Mieterschutzinitiative als auch die zum Wegzug genötigten Bewohner vergeblich protestiert. Weder werden hier heideartige Wälder noch waldartige Heiden gebraucht, und die als Clou gefeierten „Multifunktionskisten- Garagen“ würden zum ersten Mal eine Marzahner Grundsatzbestimmung aushebeln, die da lautet: Kein Garagenbau in der Großsiedlung! Die Agentur für die sozial Bedrängten kümmert sich um die Garagen für die sozial Potenten – was für ein ein Witz!

Petra Oelsner, Bewohnerbeirat

Günter Beckert, Mieterschutzinitiative