Sarkasmus und Schönes aus der Hölle
Ausstellung im Jüdischen Museum zeigt Karikaturen von Bedrich Fritta aus Theresienstadt

Kreuzberg – Das jüdische Museum zeigt in einer Sonderausstellung Karikaturen eines dort einst inhaftierten Künstlers. Karikaturen im KZ? Ging das überhaupt? Als in Paris studierter Künstler war Bedrich Fritta privilegiert: Er musste 1941 zwar ins Lager Theresienstadt. Dort wurde er jedoch als Leiter des Zeichenstudios einer Gruppe von Künstlern und Ingenieuren zugeordnet. Diese wurden im Auftrag der SS gezwungen, „das schöne Lagerleben“ zu planen und zu illustrieren, etwa um das Rote Kreuz zu täuschen. Fritta und seine Kollegen konnten so Ressourcen wie Stifte, Tinte, Tusche und großformatiges Zeichenpapier nutzen, von denen normale Lagerinsassen nur träumen konnten. Neben der „offiziellen“ Linie entstanden dabei heimlich Illustrationen, welche die schlimme Wirklichkeit wesentlich schärfer abbildeten. Der als „Fritz Taussig“ geborene Künstler allerdings zahlte seine spitze Feder mit dem Leben. Nachdem er verraten worden war, wurde er 1944 wegen „Gräuelpropaganda“ nach Auschwitz deportiert, wo er an Entkräftung starb. Rund 100 großformatige Tuschezeichnungen und Skizzen überdauerten Krieg und KZ in einem Versteck, vergraben in einer Blechrolle.

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„Kulissen für die internationale Kommission“, 1943/44, Tusche, Feder und Pinsel,
Foto: Museum/Ziehe

„Erwartet hatte ich naturalistische Bilder des Lagerlebens“, stellte Denis Grünemeier fest, „doch was mir in die Hände kam, erinnerte mich eher an die Karikaturen von George Grosz – eine hohe künstlerische Qualität, und viel mehr als ein Spiegel der Zeit“, schwärmte der Ausstellungskurator bei einer ersten Führung. So spielte Fritta gern mit Licht und Schatten. Eine Darstellung beispielsweise zeigt hell ausgeleuchtet wie mit Scheinwerfern ein Varieté-Theater, denn in sehr engen Grenzen war den Theresienstadter Lagerinsassen Kulturleben erlaubt. Das Tor nebenan hingegen ist viel dunkler, als es bei solcher Helligkeit sein kann Während das Bühnenbild Normalität signalisiert, steht die Dunkelheit für den Tod – ganz entgegen dem propagandistischen Bild. „Warten auf den Abtransport“ zeigt eine wartende ältere Frau alleine. Die überproportionale Größe ihres Schattens lässt erahnen, was ihr bevorsteht. Für einen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes 1944 wurde das Lager „verschönert“. Fritta brachte die Kulissen als Attrappen zu Papier, die Verschönerung wurde bloßgestellt.

Als Lichtprojektion hat Tomáš Fritta-Haas, Sohn des Künstlers, sein Heiligtum aus der Hand gegeben – ein Kinderbuch, das ihm sein Vater zum dritten Geburtstag gemalt und geschenkt hatte; die einzige dingliche Erinnerung an seinen Vater. Ein naives Buch in Farbe, voller Romantik und Kinderträume. Phantasien von gemeinsamen Reisen durch ferne Länder oder die Darstellung verschiedener Berufswünsche. Zu schön für die Hölle, in der sie entstanden. Ein schockierender Kontrast zum allgegenwärtigen Lagerleben, und damit eine gewisse Parallele zum Film „Das Leben ist schön“.

„Das Böse hat es nicht geschafft, uns unterzukriegen“, bringt es Enkel David Haas auf den Punkt. Tomáš Fritta-Haas war als Einjähriger mit seiner Mutter nach Theresienstadt gekommen. Nach dem Verrat wurde die Familie im Lagerknast eingekerkert. Die Mutter verstarb kurz darauf. Der Vater und Künstlerkollege Leo Haas wurden nach Auschwitz deportiert. Haas überlebte und adoptierte Frittas Sohn Tomáš.

Die Generation der über 50-Jährigen erinnert sich vielleicht noch an die Ausstrahlung des amerikanischen Spielfilms „Holocaust“ im westdeutschen Fernsehen 1979. Ein Sohn der fiktiven Familie Weiss kam als privilegierter Künstler ins KZ, bis seine heimlichen Illustrationen aufflogen. „Der Regisseur hat unsere Familiengeschichte mit in den Film hineingenommen“, erklärte David Haas auf Anfrage. Die Ausstellung zeigt 36 großformatige Zeichnungen und 25 Skizzen. Bedrich Fritta „Zeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt“, ist bis 25. August zu sehen in der Eric F. Ross-Galerie im Jüdischen Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, Tel. 25 99 33 00, geöffnet täglich 10 bis 20, montags bis 22 Uhr. Ein gedruckter Katalog zur Ausstellung ist nicht erschienen. Dafür sind die Zeichnungen und Erläuterungen im Internet www.jmberlin.de/fritta/de abrufbar. Dort stehen auch weitere Informationen zu Begleitprogramm wie Kuratorenführungen oder Montagskino bereit.

Henson Stehling